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Source http://goedartpalm.virtualave.net/war.html 

Krieg als Information 
von Dr Goedart Palm

Aporien des Informationskriegs 

Was zurzeit in den kategorialen Weichformen medialer Selbstreflektion als "Information Warfare", "Netzkrieg" oder "cyberwar" firmiert, gilt als die militärlogische Überbietung alter Aufklärungs- und Desinformationsstrategien, die dem harten Schlagabtausch vor-, nach- und beigeschaltet werden. Die Informationskriegsgeschichte ist zwar nicht jünger als der Krieg selbst, aber Medien und Informationen umkreisen ab jetzt nicht nur den Krieg, sondern werden selbst als genuine Waffen in das Arsenal von Angriffs- und Verteidigungswaffen integriert. Der Krieger verändert sich zum medienkompetenten Auguren, der die Geheimnisse der Digitallogistik mindestens ebenso gut beherrschen muss wie die vormaligen logistischen Wahrheiten klassischer Militärstrategien. Anders wird er nicht siegreich sein. Annäherungsweise wurde "cyberwar" als militärische Operation gegen die Informationsstruktur des Feindes beschrieben, während "netwar" alle Kampfformen außerhalb bewaffneter Auseinandersetzungen bezeichnet - aber schon vernetzen sich beide Formen zu einer kriegerischen Infosphäre, die klassische Kriegsszenarien als atavistische Konflikte mit nur erdenschwerer Bedeutung weit hinter sich lässt. 

Der Infowar löst sich aus der Differenzierung zwischen militärischen und ziviler Machtausübung. Nach dem Institute for the Advanced Study of "Information Warfare" (IASIW) handelt es sich um den offensiven und defensiven Gebrauch von Informationen und Informationssystemen, um die des Gegners auszunutzen, zu täuschen, zu korrumpieren oder zu zerstören und zugleich die eigenen zu schützen. Folgenreich verändert sich das Bild der Medien, sie seien die humane Gegenmacht der Aufklärung des Menschengeschlechts gegen die Irrationalität des Krieges, im begehrlichen Zugriff des Militärs. Der Militärkritiker Ekkehart Krippendorff definierte das Militär noch unter dem Eindruck des Golfkriegs als antipodisches Gegenstück der Aufklärung. Aber in der Ära des expansiven "Informationskrieges" wird das Gegenteil richtig. Der Begriff der Aufklärung war schon je antinomisch: Einerseits der vernunftrationale Königsweg für den Ausgang des selbstgewissen Subjekts aus der Unmündigkeit, andererseits das zweckrationale Wissen um die Bewegungen des Feindes. Aber ist nicht die militärische Totalaufklärung der Informationskrieger der souveränste Akt zeitgenössischer Welterschließung, seitdem die durch eine mehrtausendjährige Philosophiegeschichte diffus dekonstruierte Vernunft und ihre Wahrheitsderivate ohnehin nicht länger einlösbar erscheinen? Virilio hat die technische Revolution, die von der Informatikbombe ausgelöst wird, als "die babylonische Verwirrung des individuellen und kollektiven Wissens" bezeichnet. 

In diesem Menetekel erhält sich noch der Begriff einer den Medien vorgeordneten Wahrheit, die zwar im telematischen Rauschen untergehen mag, aber noch zu ermitteln wäre. Mit dem spätmodernen Informationskrieg scheint aber mehr als die Verseuchung der Logosphäre verbunden zu sein. Es könnte die Finalisierung der abendländischen Vernunftgeschichte zur endgültigen Demontage ihres Wahrheitsbegriffs werden. Theoretiker des Infowars sprechen von semantischen und epistemologischen Angriffen, die die Wahrheit gegen virtuelle Realitäten austauschen oder völlig außer Kraft setzen. Die Kritik der Urteilskraft hat in diesen Kriegstheatern kein Auftrittsrecht mehr. Das Maß an Entropie, dem Gesellschaften auf Grund solcher Störungen der Wahrheit ausgesetzt sind, könnten radikaler sein als es klassische Kriege je waren. Epistemologische Marshallpläne, die das beschädigte Vertrauen in die Wirklichkeit wieder herstellen, sind schon deshalb schlecht vorstellbar, weil Wahrheit keine beliebig restituierbare Größe ist. Kognitive Kriegsführung Dass Wissen Macht ist, ist den Militärs spätestens seit Sun Tzu (ca. 400-320 v. Chr.) bekannt, der die Kenntnis des Gegners und der eigenen Vernichtungspotenzen zur Voraussetzung erklärte, in hundert Schlachten erfolgreich zu sein. Aber dieser Kriegsweisheit werden erst jetzt Mittel zur Verfügung gestellt, die die kognitive Durchdringung des Gegners bis ins Mark gewährleisten. 

Zur Quadriga kognitiver Kriegsführung wurde die Vernetzung von "Command, Control, Communication, Computer and Intelligence" (C4I). Die vornehmlich in den Vereinigten Staaten propagierte Militärdoktrin des "Information Warfare" schreibt zwar damit zugleich Zielsetzungen klassischer Kriegsinformationspolitik fort. Zentral wird aber der Glaube, die Informationsherrschaft sei nicht nur eine Unterstützung der Kriegsführung, sondern zugleich als Kampfform geeignet, Konflikte endgültig zu entscheiden. Die Forderung nach Informationsdominanz reicht erheblich weiter als die klassische Feindaufklärung, sie wird sowohl integraler Bestandteil des Waffenarsenals als auch Endziel der Auseinandersetzung. Aufklärung über den Feind und Verbergung eigener Strategien verbinden sich zum Ideal der Wahrnehmungshoheit. Als exemplarisch für die neue Wahrnehmungskriegsführung gilt etwa die Vernichtung des irakischen C3I-Systems, um das Aufklärungswissen des Gegners zu zerstören und ihn ungeschützt Angriffen auszusetzen. Der Feind wird geblendet, sein Bewusstsein paralysiert, seine "mind-map" durchkreuzt. Ab jetzt ist der sensorische und kognitive Apparat wertvolleres Terrain als die Orte realer Feindpräsenz. So kann klassische Hardware in die zweite Schlachtlinie rücken, weil nicht länger isolierte Vernichtungskapazitäten, sondern ihr informationstechnologisch effizienter Einsatz zentral wird. Biblisch gesprochen ist der Informationsdavid mit der Datenschleuder allemal gefährlicher als ein blindwütiger Goliath der puren Vernichtung, wie etwa die hilflosen Luftabwehrschläge im Golf- und Kosovokrieg erwiesen haben. Aber Informationen sind mehr als zielgenaue Projektile. Daten sind virtuelles Plutonium, aus dem flächendeckende Informationsbomben generiert werden, die jede Wirklichkeitskonstruktion bis weit in ihre zivilen Grundfesten hinein erschüttern können. Waffen sind zwar selbst nach dem klassischen Begriff Informationen, die eindrücklichsten In-Formationen, die menschliches Handeln bestimmen können. 

Der neue Waffentypus löst sich von der Materialität und und zielt auf die totale Manipulation des perzeptiven Apparats. Zuletzt behält doch Bischof Berkeley zumindest im herrschaftsgeladenen Reich der Virtualität Recht: "Esse est percipi aut percipitur". Mit anderen Worten: Das Sein in der Infosphäre manifestiert sich in der Wahrnehmung, daneben wird der Realismus des Körpers zur Schwundstufe der Existenz - seine Vernichtung ein "Kollateralschaden" des postklassischen Krieges. Schon zuvor hatte Mao Tse-Tung das Ziel des "Psychological Warfare", den Geist des Gegners zu lädieren, als vorrangig gegenüber seiner realen Zerstörung angesehen. Vom Blitzkrieg zum Wahrnehmungskrieg Wellingtons Stoßseufzer "Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen" belegt paradigmatisch, dass Zeit von je her ein zentraler Faktor der Kriegsführung war. Kriegsgeschichte wird zugleich als die Historie technologischer Beschleunigung geschrieben. Generalmajor John Woodmansee jr. begriff den Chip als technologischen Schlüssel zur neuen Militärdoktrin, er sei das rasante Gegenstück zum Einsatz des Benzinmotors im Blitzkrieg. Der Blitzkrieg der Panzergeneräle erscheint gemächlich gegenüber den Beschleunigungschüben digitalen Datentransfers und ihrer informatischen Instrumentalisierung. Heute gehen Militärs den letzten Schritt von der "near-real-time" zur "Echtzeit", um optimale Operationsgeschwindigkeiten auf virtuell-realen Schlachtfeldern zu erzielen. Digitales Tempo verheißt aber mehr als einen graduellen Beschleunigungsschub, der alte Mobilisierungszeiten übertrifft. Der klassische Entscheidungszyklus des OODA (Observation, Orientation, Decision and Action Loop) wird in der Hyperinformierung der operativen Streitkräfte im Eiltempo durchlaufen. Wir beobachten einen militärischen Paradigmenwechsel, wenn die Instantanität von Wahrnehmung, Entscheidung und Exekution in einer logischen Sekunde zusammenfallen können. "Situational awareness" und "top-sight" verbinden sich zur Strategie dieses Kriegsideals: "Den Feind sehen, heißt ihn zugleich zu vernichten". Der exekutive Gewinn der "situational awareness" liegt zunächst im höheren output bei gleichzeitiger Minimierung menschlicher Beteiligung. Aber nicht nur strategische Raumdeckungen während der heißen Phase, die umfassende Schlachtfeldtransparenz, sondern auch personalaufwändige Besetzungen des Feindgebiets durch nacheilende Schutztruppen können digitaler Supervision anvertraut werden. 

Zukünftige Nachkriegsschauplätze werden in bester Orwell´scher Tradition der Wahrnehmungssouveränität von Satelliten und web-cams unterliegen. Somit begründet weniger der digital rekonstruierte Blitzstrahl des Zeus als Vision der neuen Wunderwaffe den paradigmatischen Umbruch spätmoderner Militärkonzepte, sondern die operationale Neuorganisation der Kampfszenarien. Modellkriege werfen immense Anforderungen an Komplexitätsverarbeitung und -reduktion auf, die systemtheoretisch als Autopoiesis der Kriegsführung verstanden werden können. Bei schwierigen Entscheidungsprozessen haben Sozialexperimente erwiesen, dass zirkuläre Organisationsstrukturen ein höheres Maß an Effizienz besitzen als Kopf-Körper-Modelle. Geringerer Autoritätsdruck und instanzielle Verteilung des Entscheidungsproblems machen stellen solche Systeme als krisenfester und handlungsstärker dar. Galt das Militär zuvor als härteste Hierarchie, verwandeln sich im neuen Kriegsmanagement Armeen zu schlagkräftigen Lernunternehmen. Im Blick auf die Seeschlacht bei den Midway-Inseln hat Warren McCulloch die paradigmatische Umwandlung einer klassischen Hierarchie in eine Heterarchie beschrieben. Nachdem die japanische Flotte das gegnerische Flaggschiff frühzeitig versenkt hatte, war die amerikanische Flotte auf wechselnde Kommandostellen angewiesen. Zum Befehlshaber der Armada avancierte der jeweils aus besten Perspektive das Schlachtgeschehen beobachtende Kapitän. Die panoptische Dezentralisation der Verantwortung führte zur Vernichtung des Gegners trotz des Verlustes der eigenen Führung. Kriegsglück und -götter werden ab jetzt durch Rückkoppelungs- und Reaktionsgeschwindigkeiten ersetzt. Kommandogewalt wird zur allgegenwärtigen Herrschaft des feedbacks, das Jimi Hendrix ante litteram bereits als elektronische Gestalt des "star-spangled-banner" denunziert hatte. 

Je mehr Transferzeit für Informationen und Übermittlungsverluste entstehen, umso reduzierter sind Anpassungs- und Überlebensmöglichkeiten. Danach entwertet die Digitalisierung der Planung zunehmend klassische Kommandostrukturen. Joseph Weizenbaum hat im führungsintensiven Bereich des Militärs die Enteignung des Menschen aus der Entscheidungsverantwortung beobachtet. Generäle beklagen ihre Bedeutungslosigkeit gegenüber digital berechneten Entscheidungsgrundlagen, die nur noch den deklaratorischen Vollzug der "Entscheidung" eröffnen. Hier steckt die Aporie einer Informationsherrschaft, die menschliche Entscheidungsautonomie der Herrschaft der digitalen Zauberlehrlinge unterwirft, um - nicht allzu kühnen Extrapolationen nach - schon bald postbiologische Protagonisten in die Schlacht zu werfen. Von der Täuschung zur Virtualisierung der Virtualität Die Spiralen von Aktion und Reaktion schieben sich in virtuellen Szenarien in unabsehbare Höhen, die klassische Schlachtmanöver mit eindeutigen Begegnungskoordinaten eindimensional erscheinen lassen. Virtualität ist keine unvollkommene Wirklichkeit zweiter Ordnung, sondern ein multidimensionaler Viele-Welten-Raum, dessen Wirklichkeitshorizonte in Zukunft nicht weniger valide als klassische Wirklichkeitskonstruktionen sein werden. Mit anderen Worten: Die Welt potenziert sich, ohne den diskreten Unterschied zwischen Realität und Virtualität in einer zukünftigen Ontologie noch länger fixieren zu können. 

Danach muss auch die Virtualität schon bald nach Virtualitäten erster, zweiter und folgender Ordnung unterschieden werden, um noch eine Orientierung der Kämpfenden zu sichern. Virtuelle Kriege ohne Bodenhaftung machen den Krieg selbst zum n-dimensionalen Kriegsspiel, freilich ohne den agonalen Charakter simulieren zu müssen. Agonie bleibt auch trotz der amerikanischen Medienkriegslehre des "zero-death" - der Tod ist ausgeschlossen, zumindest in den eigenen Reihen - ein Ziel in der Vernichtungspalette. Distanzschläge bieten vornehmlich den militärpsychologischen Vorteil, den Akteuren keine mimetische Beteiligung am Tod des Gegners mehr abzuverlangen. Der emotionale Vorteil liegt auf der Hand: Der Gegner minimalisiert sich zur Informationsgröße auf dem Monitor, nicht realer als das in Computerspielen ubiquitär residierende Böse. Dem blutleeren Monitor mögen die ungehörten Schreie der Opfer korrespondieren, aber diese haben keine exponierte Bedeutung mehr in der Schlacht. Die bisherige Täuschungsgeschichte des Krieges wird unendlich überboten, wenn Simulationsszenarien in cyberspace wie Zwiebelschalen abgeblättert werden müssen, ohne leichtfertige Hoffnung, das Kerngehäuse gegnerischer Präsenz je zu finden. Mit semantischen Angriffen auf Sensoren eines Systems, bleiben seine Funktionen scheinbar intakt, weil allein die zu Grunde liegende Realität als Berechnungsgröße manipuliert wird. Beispiel wären künstlich produzierte Umweltkatastrophen, die etwa Versorgungswerke lahm legen, die sich automatisch im Katastrophenfall abschalten. Die Decodierung feindlicher Botschaften, etwa Turings berühmte Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine "Enigma", konnte noch darauf vertrauen, dass hinter der Verschlüsselung ein operational verwertbares Wirklichkeitswissen über den Feind stand. Ein militärischer Turing-Test, der in Zukunft danach fragen würde, ob das Gegenüber eine reale Bedrohung sei, kann sich in fortgeschritten Cyberszenarien in infiniten Rückgriffen verlieren. Nicht nur holografische Schreckensgebilde, sondern auch feindliche Codes können leere Datenhülsen sein, die Datenverarbeitungskapazitäten blockieren und ins Nirgendwo führen. Virtuelle Kriege werden im "Nebel" und "Rauschen" geführt, Informationsweizen und Datenspreu liegen dicht beieinander. Hier begründet sich die Aporie, dass der Beschleunigung von Datenverarbeitungen ein Datenoutput gegenübersteht, der zukünftigen Temporalstrukturen von Kriegen nicht prognostizieren lässt. Omnipräsenter Informationshunger droht wieder in blindwütigen Aktionismus zu verfallen, wenn allein das Gesetz des Handelns zur taktischen Not im Datenrauschen wird. 

In der Extrapolation zukünftiger Simulationskriege wie etwa "Gibson-warfare" werden die Kämpfe nur noch Computern und virtuellen Gegnern anvertraut, die von den Parteien als legitimes Ergebnis anzuerkennen wären. Freilich ist das letztlich eine pazifistische Vision eines legalistischen Krieges, eines digitalen Schachspiels fairer Kontrahenten. Gegenüber den Eskalierungsspiralen des "Information warfare", die weit über die vormaligen Totalisierungen der Krieges hinausreichen, handelte es sich um Visionen, die Cyberspace zum Reservat menschlicher Aggressivität reduzieren, um der Wirklichkeit den ewigen Frieden zurückzugeben. Politik als Krieg Während die neue Zerstörungsdoktrin vorgibt, alte Konzepte mit Infobomben, intelligenter Munition oder panoptischer Aufklärung zu verbessern, folgt sie längst Logiken, die aus alten Kriegsordnungen endgültig ausbrechen. Im Kurzschluss politischer und militärischer Operationen wird das tradierte Nachfolgeverhältnis von politischer Willensbildung und Militäreinsätzen aufgelöst. Dabei geht es nicht nur um den Pluralismus friedlicher und kriegerischer Durchsetzungsformen, sondern um eine integrierte Kampfform, die noch keinen bekannten Namen trägt. Kants Vision des ewigen Friedens wird durch die Möglichkeit des ewigen Krieges überboten, der sich lautlos und latent vollzieht, ohne mit Fanfarenklängen und in der Uniformierung des Schreckens eine globale Öffentlichkeit in humane Alarmbereitschaft zu versetzen. Der ubiquitären Verbreitung von Informationen und propagandistischem Sperrfeuer korrespondieren Auseinandersetzungen, die relativ unbeobachtet in den digitalen Nervenbahnen des Netzes stattfinden. Krieg oder Frieden? Wer wollte das überhaupt noch unterscheiden, wenn politische und militärische Gewalt zu einer subkutanen Konfliktform verschmelzen, die ihr Zerstörungswerk dissimuliert, ohne dadurch an destruktivem Potenzial zu verlieren. Vollends aporetisch für die tradierte Unterscheidung von Krieg und Frieden wird ein herrschaftsorientierter Pazifismus, der seine unfriedlichen Absichten maskiert. 

Die informationstechnologische Verminung des gegnerischen Terrains zielt auf die Entmedialisierung des Gegners. Aber dieser Kampf beschränkt sich nicht auf militärische Positionen, sondern will den Gegner auch in seine zivilen Erscheinungsformen letal treffen. Die Anwendungsfelder sind bekannt: Zerstörung von Telekommunikationsystemen, elektronischer Nachrichtenmedien oder ökonomischer Strukturen von Börsen und Banken. Im "Hacker Warfare" können etwa imaginäre Transaktionen Folgeschäden auslösen, die denen eines atomaren Schlags nicht nachstehen. Erst jetzt wird klar, dass die Schreckensformel des "totalen Kriegs" weit über seine heiße Blut- und Bodenwahrheit hinausreicht, sich auf sämtliche Infrastrukturen des Gegners bezieht, die seine Lebensfähigkeit bedingen. War Feindaufklärung zuvor Pionieren und Meldern als der Vorhut anvertraut, ist mit dem "Infowar" die Stunde von Hackern, Datenfreibeutern und Desinformationspiraten gekommen, die in fremde Daten- und Informationsgelände eindringen. Die Homepage der NATO etwa war zeitweise wegen eines "Ping-Bombardements" nicht mehr einsatzfähig. Mit Datenanfragen werden Systeme und Server überlastet, bis sie kollabieren. Clifford Stolls voreilig pessimistische Beschreibung der "Wüste Internet" bewahrheit sich zumindest in den Detonationen von E-Mail-Bomben mit Mehrfachsprengköpfen, die den Verkehr lahm legen. Gefährlicher als Datenstau ist die digitalbiologische Kriegsführung mit Viren, mit denen etwa jugoslawische Hacker der "Schwarzen Hand" den totalen Krieg gegen antiserbische Propaganda führen. 

Die Netzguerilla kompensiert mit Mail-Bomben und "Ping-Bombardements" militärische Schwächen auf dem vormaligen Feld der Ehre. Überlegene Informationsherrschaft wird in Zukunft propagandistisch formulieren können: "Bella gerunt alii - wir informieren!" Der franzöische Militärstratege Beaufre hat schon 1963 Strategie auf jedes kommunikative Handeln ausgedehnt, das in der Dialektik antagonistisches Willens den Gegner von der Aussichtslosigkeit des Kampfs überzeugt. Wenn Konflikte in der Infosphäre entschieden werden können, wäre jede andere Munition Verschwendung wider den kapitalistischen Geist ökonomischer Herrschaft. Dabei scheint William Peacocks Einsicht, dass die Grundsätze des modernen Krieges just jene Direktiven sind, die auch den kapitalistischen Wettbewerb bestimmen, mehr zu sein als ein Epiphänomen der explosiven Informationssprengkraft. "Information warfare" herrscht längst in den zivilen Bereichen von Wirtschaft und Kultur, ohne dass "unfriendly take-overs" mit einer Kriegserklärung eingeleitet würden. Aber mehr: Transnationale Bündnisse und Achsen sind nicht allein Interessen nationaler Staaten, um ihre ökonomische, kulturelle oder militärische Präsenz zu verstärken. Auch aggressive Wirtschaftsimperien und kriminelle Bruderschaften überschreiten gleichermaßen nationale Grenzen, um im Kampf aller gegen alle den vormaligen Leviathan das Fürchten zu lehren. Frontlinien lösen sich auf, weil das Netz nicht nur antagonistische Nationalstaaten und supranationale Kombattanten repräsentiert, sondern eine globale Öffenlichkeit auf der digitalen agora zulässt. Es entstehen herrschaftsorientierte Diskurskriege und immer währende Informationsschlachtfelder, die auch solche Teilnehmer wie Friedensbewegte oder Umwelt- und Menschenrechtsgruppen zulassen, die vordem keiner bellizistischen Gesinnung verdächtigt worden wären. Der Krieg verliert sein Gesicht, maskiert sich zur Ordnungsmacht gegenüber der Entropie des Feindes, wird schließlich zum repressiven Pazifismus. 

Zukünftige Weltinformationskriege werden danach das "think global, act global" mindestens eben so gut beherrschen müssen wie "think global, act local", weil in virtuellen Szenarien die Differenzierungen zwischen zentral und marginal, global und lokal, oben und unten obsolet werden. Lokale Konflikte verändern sich im "Information warfare" zu Globalkriegen, weil in einem Netz strategische, taktische oder propagandistische Vorteile überall und jederzeit entstehen können. "Information Warfare" verlässt alte Zeit-Raum-Logistiken, wie es zuvor die Revolutionierung des Krieges durch Guerilla-Taktiken in Kuba, Algerien oder Vietnam vorausgeahnt hat. Über lange Zeiträume hinweg können etwa taktische Vorbereitungen den Krieg bereits im Vorfeld finalisieren. "Hacker Warfare", die trojanische Pferde, Zeit- und Bedingungsbomben in das gegnerische Informationsarchitektur einschleust, kann die heiße Phase auf einen Zeitpunkt terminieren. Das Kriegstheater ereignet sich dann im kürzesten Moment, wenn alle Implantate ihre Mission aus verschiedensten Positonen vollziehen. Der Schlag liegt hinter jeden imaginären Frontlinie, die Operationslinien können im Zeitalter der schnellen Bits und Bytes über unbeobachtete Peripherien laufen. Der Feind bewegt sich tendenziell in Atopien, zu denen keine Datenspuren mehr hinführen. Ab jetzt liegen die Propagandaquellen zwar in einem Dorf, site an site, einen surftip weit auseinander, aber die digitale Dörflichkeit ist alles andere als ein überschaubares Feld antagonistischer, aber wahrheitsfähiger Interessen. Längst verbreitet sich in der Netzgesellschaft eine gut begründete Paranoia, dass Informationen als Zielobjekt und Waffe jede Wahrheit transzendieren. Aporien ziehen ein, wenn jede Wahrheit nur noch als Anschlussgröße für Gegeninformationen genommen wird.

Copyright. Dr. Goedart Palm